Schon erstaunlich wie lange der letzte Eintrag her ist. Ich denke gar nicht so selten an mein Blog, finde aber selten die Zeit (zuviel Ablenkung – zu wenig nachdenken) und noch seltener die richtigen Worte (zu wenig Übung – lese zu wenig).
Aber an einem ruhigen Sonntagabend klappts dann doch mal wieder. Bin über ein Blog zum nächsten, zum nächsten,… –> zu meinem mal wieder gelangt. Also dazu zu schreiben. Ist natürlich wie immer viel passiert in der Zwischenzeit. Habe mir die Videos aus 2009 eben noch ein mal angeschaut – „Du bist Terrorist“ z.B. Danach habe ich darüber nachgedacht, wie viel in der Zwischenzeit passiert ist, alleine im Hinblick auf „Internetbeschränkung“, „Meinungsfreiheit“ und „Überwachung“. Ich kriege es nicht zusammen. Ich fühle mich etwas überrollt von den vielen kleinen Dingen die passieren. Aber hin und wieder passiert natürlich auch noch etwas großes. Dann kommen auch wieder große Forderungen aus der Politik .
Aktuell tötete ein irrer Norweger 76 Menschen (Bombe + politisch motovierte Jugendliche auf einer Insel). Die meisten davon mit Handfeuerwaffen und nicht mit der Bombe – das löste schon einen ersten WTF Moment bei mir aus. Dann kam noch sein 1500 Seitiges Manifest (2. WTF Moment). Und den Massenmord begründete der Typ mit der Notwendigkeit der Verbreitung seines Manifestes. 3. WTF Moment. Ich habe mir das Ding nicht durchgelesen – dann hätte ich ja den Willen des Mörders erfüllt.
Im Manifest geht es (laut Blogs und Medien) spannenderweise um die schleichende Islamisierung – der Mörder also war ein Nazi. Zu der Zeit des Anschlags gab es in den Medien natürlich nur eine Mögliche Tätergruppe: Al Quaida (schreibt man die eigentlich so?). Bravo Medien – vorauseilender Denkgehorsam – ja die jahrelange Hetze lohnt sich. Da haben die vielen Islamfeindlichkeits-Artikel, die Islamphobie-Artikel und Islamhass-Artikel doch etwas gebracht: Fast alle (natürlich auch die meisten Leser) hielten islamistischen Terror für die Ursache. Schmeisst jahrelang mit Scheisse – es bleibt immer etwas kleben. Wussten schon ganz andere Personen vor Euch.
Spaßig waren natürlich die Reaktionen der Medien: einige wenige haben offen den Fehler zugegeben – die meisten haben einfach weiterberichtet (was kümmert mich der Scheiss von gestern). Manche haben die peinlichen Artikel einfach offline genommen. Danke für Euren guten Job, 4. Staatsgewalt!
Der Mörder (mir kommt bei Jahrelanger Vorbereitung des Anschlages der Begriff „Amokläufer“ so schwer rüber) hat natürlich auch Internet gehabt. Und kannte WoW und EGO-Shooter. Gut der war auch beim Militär und im Schützenverein – aber daran stößt man sich nicht so. Als ich gelesen habe wie sich die Medien auf seinen „Facebook“ Account gestürzt haben, wo eben jene Dinge drin standen (was war nochmal die Lieblingsmusik?) konnte ich mir ein lautes und langes Lachen nicht verkneifen.
Die Norweger sind so vorbildlich mit dem Massenmord umgegangen, dass ich es kaum glauben konnte. Also aus Deutschland ist man da halt andere Dinge gewöhnt. Der urdeutsche Pawlowsche-Politiker-Reflex ließ dann auch nicht lange auf sich warten: Wir brauchen Vorratsdatenspeicherung, Klarnamen im Netz… Übersetzt: sie nehmen das als Anlass, mehr Überwachung zu fordern. So wie jedes mal. Erfrischend war diesmal, dass die Kinderleichen noch nicht ganz kalt waren als die ersten Forderungen hochkamen. Sie sind über den Punkt wo man noch ein bischen den Schein wahren will also schon drüber weg. Es ist natürlich schlau von den Politiker: zwar hat der Mörder seine Waffen legal wegen dem Schützenverein, das Schießen dort und beim Militär gelernt, aber radikalisiert hat er sich im Internet. Böses Internet.
Sicher war das Internet eine Quelle für die Radikalisierung des Mannes. Denn wonach man dort auch sucht – man findet was man hören will. Sascha Lobo hat das glaube ich in einem Artikel in Spiegel-Online passend geschrieben. Aber das ist natürlich nicht der wirkliche Grund, warum manche alten Damen und Herren in unserer Regierung das Internet mehr Überwachen/Zensieren/Ausschalten wollen. Denn das Internet bietet eben allen auch die Möglichkeit, sich abseits von den eigentlich besuchten Medien zu Informieren. Sich zu bilden. Den Horizont etwas zu erweitern. Auch wenn die wenigsten dies wirklich tun. Tagtäglich Unnützlichkeiten auf gängigen „Social Networks“ auszutauschen ist für viele schon das Höchste der Gefühle. Dies richtet sich natürlich in erster Linie gegen die eigentlich netzaffinen Menschen, die aus Ihren Möglichkeiten jedoch viel zu wenig machen. Eben die Generation unter den jetzigen Politikern. Ich nehme mich selber da nicht aus.
Aber wir waren beim wirklichen Grund für geforderte Mehrüberwachung von manchen deutschen Politikern. Um ehrlich zu sein gibt es eher nicht den einen Grund (also falsch ausgedrückt weiter oben). Es gibt sicher viele Gründe.
Ein Grund könnte sein: Diese alten Menschen verstehen das Internet nicht. Wenn jemand es Ihnen erklärt, dann läuft es nach einem Worst-Case Gespräch ab. Da fragt der Ahnungslose: Man könnte also auf radikale Inhalte kommen? –> die Chance besteht. Man könnte also auf Kinderpornographie treffen? –> theorethisch ja. Menschen können sich dort ohne eine geeignete Überwachung zu terroristischen Anschlägen verabreden? –> das ist möglich.
Und im Worst Case könnte alles so passieren. Die Abwägung gegenüber dem Nutzen für die Menschen passiert nicht. Man trifft auf millionenfach mal mehr nicht radikale Inhalte. Man trifft auf jede Menge legaler Pornogaphie (was für manche alten Politiker sicher ebenso schlimm ist). Es verabreden sich Menschen für positive Dinge im Internet (z.B. Demonstrationen für Freiheit in Diktaturen – gut, auch nicht so positiv für manche Politiker…). Diese (meine) Annahme über einen möglichen Grund spiegelt also das deutsche Negativdenken wieder – und ist vielleicht noch der verständlichste von allen. Sicherlich aber der „positivste“ für die Politiker.
Denn was für Gründe gibt es noch: billiger Stimmenfang natürlich – bei Politikern immer mit dabei. Wirtschaftliche Interessen – irgendjemand profitiert monetär natürlich auch von mehr Überwachung. Und hintenrum verdient vielleicht auch so mancher Politiker so ab (ich muss da immer an die USA denken – hatte der Bush nicht Beteiligungen an Rüstungsfirmen und verdient so bei jedem Schuss im nahen Osten mit ab?). Klassendenken ist vielleicht auch so ein Grund. Wer weiß schon, ob sich nicht mancher Politiker zu einer „oberen“ Klasse zählt, die geschützt werden muss. Und wie ginge das besser, als wenn man die Rechte der „unteren“ Klasse beschränkt und diese durch mehr Überwachung abschreckt? Machterhalt passt ebenso dazu.
Die zuletzt genannten wären schon böswillige – nahezu demokratiefeindliche – Gründe. Will ich niemandem persönlich Unterstellen. Als Politiker sollte man aber vielleicht mal darüber nachdenken, wohin die Entscheidungen (mehr Überwachung + Zensur) führen. Ich weiß wohin dieser Weg der Politiker führt: Es wird nicht weniger Radikalisierung geben und es wird nicht weniger Anschläge geben.